Mittwoch, 6. Februar – der erste Tag in Stutterheim

Schon um 6 ist es richtig hell, aber mein Kopf brummt noch und ich schlafe in Portionen fast bis 9 Uhr. Frühstück mit Müsli, dann geht’s los zum Machine Museum. Eine Gruppe älterer Ingenieure und Handwerker hat sich zusammengetan und sammelt alte Maschinen, die sie aufarbeiten und wieder in Gang bringen, so gut es geht. Da gerade heute morgen der Strom abgestellt wurde, konnten sie uns vorführen, wie ihr eigener lautstarker Generator Strom für den Wasserkocher macht und es trotzdem Tee zu den selbstgebackenen Scones geben kann. Der Strom blieb ohne Vorwarnung für 6 Stunden weg. Manchmal verkauft der Stromversorger seinen Strom einfach mal für ein paar Stunden oder mehr an besser zahlende Industriekunden, aber manchmal sind es auch die technischen Mitarbeiter der Stadt, die streiken. Das weiß man nie.

Das Museum und die Männer dort auf ihrem „Spielplatz“ geben einen Einblick in die Welt der Farmer und kleinen Fabriken, die dem Ende zugeht (oder schon gegangen ist). Sie pflegen Erinnerungen, sammeln alte Dokumente wie z.B. die Landübertragungen aus dem 19.Jhd., Namen und Familien sind im Gedächtnis aufbewahrt – es ist eine sehr überschaubare Gesellschaft der Familien mit europäischen Wurzeln. An der Wand hängen die Bilder der Bürgermeister seit es Stutterheim gibt. Alle sind weiß bis auf den letzten. Hier hängt die Glocke der Bethel-Mission-Church, die vor dem marodierenden Mob gerettet werden konnte und nun schön aufgearbeitet im Museum angeschlagen werden kann. Ihre Inschrift – Lobe den Herren – ist auf Xosa, Deutsch und Englisch eingearbeitet. Nun ist die Kirche geplündert und nicht mehr in Benutzung. Einer der Männer sagt plötzlich, dass er nicht mehr lange hier ist. Mit seiner Frau zieht er nach Durban. Für ihn ist Stutterheim, wo er sich so sehr engagiert hatte, erledigt. „Ich verlasse das sinkende Schiff,“ sagt er.

Fahrt durch die Stadt auf der Suche nach etwas Kleidung für mich, da mein Koffer immer noch nicht eingetroffen ist. Martha entschuldigt sich, sie schämt sich für ihre Stadt, denn jetzt werde ich den Müll sehen. Viele Menschen sind unterwegs, niemand mit Fahrrad oder Moped (wie es in Indien normal ist), sondern alle zu Fuß oder – wer kann – mit dem Auto. Viele Läden sind geschlossen, manche haben trotz Stromsperre geöffnet. So kann ich bei Jumbo Unterwäsche zum Wechseln einkaufen, im Dunkeln und mit handgeschriebener Quittung. Zum Umschauen und Bummeln lädt der Ort überhaupt nicht ein, man spürt die Spannung. Selbst die fliegenden Händler haben nicht viel anzubieten, das Tempo ist langsam, aber nicht entspannt.

Meine Gastgeberin möchte mir doch unbedingt etwas Schönes zeigen. In Stutterheim kann man nirgendwo Kaffee trinken, also fahren wir bei strahlendem Wetter nach Cathcart, „nur“ 50 km entfernt, da gibt es ein hübsches Café mit allen möglichen Deko-Sachen zum Einkaufen. Auf der wunderbar ausgebauten Straße erklärt Martha:

  • dass sie sich erschreckt, wenn sie eine Baustelle mit Stop-and-Go-Schild auf freier Strecke sieht. Nicht selten verbirgt sich dahinter ein Überfall.
  • dass der Ausbau dieser Straße schlimme Folgen hatte. Es wurden Arbeiter von weiter weg eingesetzt, und das nahmen die Unruhestifter in Stutterheim zum Anlass, alle zu bedrohen, die diese Straße nutzen. Es wurden LKWs überfallen, ausgeraubt, angezündet. Inzwischen nehmen die LKWs eine andere Strecke, die Straße ist erstaunlich leer und die Wirtschaft dieser Steppen-Gegend hat darunter sehr gelitten.

Blooming Daisy ist ruhig. Zu ruhig. Wir werden freundlich empfangen, aber die Auswahl auf dem Speisezettel ist sehr begrenzt. „Wir schließen Ende des Monats“, sagt die junge Frau. Die Straße hatte das kleine Café lebendig gemacht, nun kommen fast keine Kunden mehr. Nett und gemütlich ist das kleine Café im Landhausstil, es könnte genauso gut am Steinhuder Meer stehen. Das Wort „hope“ liegt abmontiert auf dem Kaminsims, alles „zu verkaufen“.

Es ist heiß geworden, bald schon 30 Grad, schätzen wir. Die Klimaanlage im Auto funktioniert nicht, die Fenster sollten jedenfalls in der Stadt nachher wieder zu sein wegen Diebstahl. Ich nicke ein, zuhause gibt es einen guten Mittagsschlaf. Um sechs soll Bibelstunde sein, im Wohnzimmer des Pfarrhauses. Martha stellt Teetassen und Kekse bereit für etwa 7 Leute. Eine kommt. Wir reden… mehr über den Zustand der Stadt, über Politisches. „Ich war sonst nie politisch“, sagt sie. Alles geht auf die Wahlen zu, der Machtkampf ist heftig. Wer hat etwas von den Unruhen, die in Stutterheim das Gemeinwesen weitgehend lahmlegen? Vor drei Wochen hatte sich die lutherische Gemeinde auf Bitten des Rates entschlossen, ihnen für eine Notsitzung die Kirchenhalle zur Verfügung zu stellen. Während der Sitzung drangen Protester ein, die Polizei warf versehentlich eine Schockgranate, die mehrere Fenster (auch im Pfarrhaus) zu Bruch gehen ließ. Die Sitzung konnte später wieder weitergeführt werden, aber in der Gemeinde gab es dann heftige Diskussionen um diese „politische Mitwirkung“ und warum überhaupt mit „diesen Leuten“ zusammengearbeitet werden müsse.

Insgesamt empfinde ich die Stimmung als sehr niedergeschlagen, bisher, als gespannt auch. Der Gesprächsstoff reißt nicht ab, aber die Nacht ist längst da und morgen geht es früh weiter. Deshalb: schnell ins Bett!

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