Zweimal Gottesdienst und einmal Abenteuer im Regen -Sonntag, 10. Februar

Bedeckt und nebelig, rechts und links riesige Weiden (manchmal sieht man auch Kühe)

Früher als an anderen Tagen klingelt der Wecker: um 7.20 Uhr müssen wir das Haus verlassen, um pünktlich zum Gottesdienst in MacLeantown zu sein – Beginn 8.30 Uhr. Gut 40 km fährt die Pastorin auf der gut geteerten Straße dorthin, ist als erste da.

Eine kleine Kirche, 1906 gebaut, mit schönem Grundstück, einem einfachen Gemeindehaus, einem Glockentürmchen, befindet sich mitten in der ländlichen, sehr verstreuten Farming Community. Die deutsche Kirche – so heißt sie in King Williams Town noch bis heute, obwohl der Gottesdienst auch hier längst auf Englisch stattfindet. Heather bringt Blumen mit, David baut das E-Piano auf, jemand hat sich auf Sunday School für die 7 oder 8 Mädchen vorbereitet, die alle Cousinen sind. Sehr familiär und vertraut ist auch die Atmosphäre, aber eine Neuzugezogene wird herzlich aufgenommen.

Der Gottesdienst folgt der Agende, die wir auch in der VELKD benutzen, die Lieder sind ökumenisch bereichert und stärker emotional. Ich erzähle etwas von Loccum, von Kloster und Dorf, von einer Mehrheitskirche mit Kirchensteuern und fast kompletten Jahrgängen von Jugendlichen im Konfirmationsunterricht.

St. Paul’s Church, MacLeantown

Und dann müssen wir uns schnell wieder aufmachen, der nächste Gottesdienst beginnt 10.30 Uhr in Stutterheim. Inzwischen hat es angefangen zu regnen, die Luft ist feucht-warm. Die Kirche hier ist recht gut gefüllt für einen Gottesdienst mit Taufe und Abendmahl. Der kleine Matthew, Sohn der jungen Vorsitzenden des Kirchenvorstandes, wird getauft. Hier gibt es eine Organistin, eine andere Frau singt zur Kommunion und begleitet sich auf der Gitarre. Ich bin eingeladen, die Bibellesung zu machen. Der Ton ist herzlich und warm, die Predigt auch auf die Kinder eingerichtet, vielleicht ein bisschen wenig Alltagsbezug für die Erwachsenen? Auch hier folgt dem Gottesdienst ein Kirchenkaffee und -tee mit Gesprächen. Pat erzählt, dass sie sich große Sorgen um das Bestehen der Gemeinde gemacht habe, ehe Martha kam. Nun, sagt sie, füllt sich die Kirche. Sie selbst war viele Jahre bei den Baptisten, ist jetzt im Ruhestand wieder zu den Lutheranern zurückgekehrt. „Ich liebe das,“ sagt sie, „die ganzen alten Traditionen, das Glockengeläut, die Orgel, die alten Choräle.“ Ist das warmherzig, gemütlich Traditionelle der besondere Charme der lutherischen Kirche? Und ist auch der Glaube etwas von dem Alten, das wir gegen die Moderne noch festhalten möchten, gegen Verunsicherung und Erwachsenwerden, ein bisschen unter den väterlichen Schirm schlüpfen am Sonntagmorgen?

St.Paul’s Church, Stutterheim

Wir sind noch zum „braai“ (Grillen) bei der Tauffamilie eingeladen. Es schüttet inzwischen beachtlich, die Straße hat sich in einen reißenden Fluss verwandelt. Nach dem heftigsten Guss fahren wir los, 11km Richtung stadtauswärts, dann links abbiegen auf die „Straße“ zur Farm. Wie gut, dass Martha einen SUV mit Vierradantrieb hat! Ein schlammiger Feldweg mit enorm vielen tiefen Löchern, die zu Teichen angefüllt sind, führt unter der Bahnbrücke hindurch, wild auf und ab, über eine kleine Brücke aus Stöcken, durch zwei oder drei Gatter, bis wir vor einem Zaun stehen. Falsch gefahren? Alles wieder retour. Nur um, oben an der Straße (wo das Handy wieder Empfang hat) zu hören, dass wir richtig waren. Der Zaun für die Kühe konnte leicht zur Seite getragen werden. Also geht es wieder bergab, irgendwo wartet der Taufvater auf uns und zeigt uns den Weg bis zum Haus.

Auf der Veranda lodert schon ein Feuer, das Haus ist offensichtlich noch ziemlich im Umbau – der junge Bauer macht alles selber, soweit es die Zeit zulässt. Die Großeltern laufen barfuß herum, alles ist sehr entspannt, nur das junge Ehepaar, eine befreundete Familie und die Großeltern. Da kann man gut erzählen.

Von Frankfort, wo der Großvater aufgewachsen ist. Sein Großvater war Deutscher und sprach kein Englisch. Der Junge mochte – nach dem Krieg – kein bloody German sein und kein Deutsch sprechen. So sprachen die beiden miteinander isiXhosa. Bis heute, sagt der Senior, ist es seine liebste Sprache. Aber mit jedem kann er sie nicht sprechen. Manch einer, den er anspricht, ist leider kein Xhosa und wird ärgerlich. Manche Xhosa lehnen es ab, dass ein Weißer ihre Sprache spricht. Ein kleines Risiko.

Als die Homelands eingerichtet wurde, sollte Frankfort zur Ciskei gehörten. Die weiße Farmerfamilie musste ein paar Kilometer weiterziehen, dorthin, wo sie jetzt wohnen. Zu ihrem Kummer durfte ihre Farm nicht von ihren ehemaligen Landarbeitern weitergeführt werden, die sich mit Land und Vieh ausgekannt hätten. Stattdessen wurden auch sie in eine Location ein paar km weiter eingewiesen, die Farm lag brach und das Haus verfiel. Jetzt sieht man dort nur noch die großen Bäume, die vor vier Generationen angepflanzt wurden.

In den Erzählungen spielen die Pastoren eine große Rolle. Aufrecht und streng, sehr deutsch oder dann plötzlich auf einmal amerikanisch, haben sie durch Konfirmation, Gottesdienste und Besuche die deutsche Gemeinschaft sehr geprägt. Der Übergang in die englische Sprache war mühsam, und ehe die lutherische Kirche sich dazu entschließen konnte, waren schon viele zu den Baptisten oder Presbyterianern abgewandert. Beim Heiraten hat man die Konfession gewechselt, eigentlich weniger wegen des Glaubens, als mehr wegen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

Nun wird die Welt säkularer, die Religion spielt nur noch eine sehr private Rolle. Da ist Südafrika anscheinend nicht viel anders aufgestellt als Europa – mit Ausnahme der offensichtlich starken Attraktion der „Prosperity Gospel“-Kirchen, die gute Nachfolge und beruflichen Erfolg eng miteinander verknüpfen. Ihre Pastoren fahren Mercedes, damit man sieht: es stimmt! Werde Christ, und Du bist auf dem aufsteigenden Ast.

Mich beschäftigt, wie weite Strecken die Pastorin und teilweise auch die Gemeindeglieder auf sich nehmen, um sich in ihrer Traditions- und Glaubensgruppe zu treffen. Auf diese Weise kommen sie auch oft als ganze Familien, denn anders geht es ja nicht mit dem Transport. Ein Familienausflug in die Kirche. Minderheitskirchen, auch Auslandsgemeinden, haben hier ihre große Stärke. Oft allerdings nicht viel mehr als 3 bis 4 Generationen lang, wie viele Familienbetriebe.

Und mich beschäftigt, dass 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid jedenfalls auf dem Land Freundschaften zwischen den verschiedenen Gruppen noch selten zu sein scheinen, Ehen vielleicht sogar noch seltener? Immer wieder gibt es Kommentare über „die“, z.B. bezüglich Umgang mit Geld und Alkohol. Es bleibt ein bisschen unklar, wer das ist, bis einer sagt, als er einen Weißen angestellt habe, das war es noch viel schlimmer. Kann Christus diese Mauern abreißen?

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2 Gedanken zu “Zweimal Gottesdienst und einmal Abenteuer im Regen -Sonntag, 10. Februar

  1. „the German church“ – so wie in Dublin? Ob da auch eventuell mal alles auf English sein wird… Ich glaube ja, miteinander können Mauern abgerissen werden. Auch wenn es immer wieder neue Mauern gibt…

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    1. Tatsächlich ist die Kirche jetzt fast überall komplett englischsprachig. Die Entscheidung war wohl nicht einfach, ist aber schon eine Weile her. In den großen Städten gibt es noch eine deutsche Auslandsgemeinde extra . Das Spannende in Dublin ist ja, dass die eine Kirche alles können muss .

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