Geschichte, bunt und verwirrend – Dienstag 12. Februar


King Williams Town, Amathole Museum. Ich habe großes Glück: Martha kennt die Kuratorin für den historischen Teil, Stephanie Victor, und hat schon lange mit ihr vereinbart, dass sie uns heute durch das Museum führt. Eine lebhafte und reizende Frau erwartet uns, strahlt Begeisterung aus für ihr Museum und alles, was damit zusammenhängt. Am besten ist es natürlich, liebe Leserin, lieber Leser, Ihr geht selbst einmal virtuell in der Geschichte dieser Region spazieren.

http://www.museum.za.net/index.php?option=com_content&view=featured&Itemid=101

Was mich beeindruckt hat:

  • Eine wirklich großartige Kollektion von ausgestopften Säugetieren, von Giraffe über Elefanten und Raubkatzen bis hin zu Ameisenbären und Warzenschweinen – alles Tiere, die in Afrika frei lebten, nun aber fast nur noch in den großen Parks. Sogar das berühmte Flußpferd Huberta, das hunderte von Kilometern an der Küste des Ostkap nach Süden gewandert war und dessen Tod sogar vor Gericht verhandelt wurde, hat hier sein Zuhause. Bei Wikipedia könnt Ihr ihre Geschichte lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Huberta_(Flusspferd) – nur dass das Museum seit 1999 nicht mehr Kaffrarian Museum heißt sondern Amathole (=Kälber – nach den Bergen dieser Region).
  • Geräte aus der Zeit der deutschen Siedler im 19. Jahrhundert. Zum Beispiel baute ein Franz Ziegenhagen einen Wagen aus Holz, mit eisernen Bändern um die Räder. Zu einem Jubiläum sollte dieser großartige Wagen von den Kühen der Alwine …. gezogen werden. Normalerweise haben Frauen damals kein Vieh besessen, aber Alwine war verwitwet und führte die Farm ihres Mannes weiter. Ihre großartigen Kühe war sie nur bereit zur Verfügung zu stellen, wenn sie selbst das Gespann führt. Und so war es dann auch.
  • Bilder und Kleidungsstücke, die zeigen, was besonders die englischen Kolonialherren an Bildung brachten, aber auch an Zwängen. Würdig bekleidete Xhosa-Männer (mit Lendenschurz und Wolldecke) durften die Stadt nicht mehr betreten, wenn sie nicht „zivilisiert“ gekleidet waren. In der Schule und auch bei den vielen Missionaren haben die Menschen aber auch gelernt, dass alle Menschen vor Gott gleich sind.
Kirchenvertreter beteiligen sich am Protest gegen die Homelands in der Ciskei
  • Der erste schwarze Pastor studierte in Schottland und kam mit einer schottischen Frau zurück. Schon so lange gab es bei aller kolonialen Einstellung auch gutes, menschliches Miteinander auf Augenhöhe! Mich beschäftigt sehr, wie das wieder verloren gehen kann. Das erleben wir ja auch anderswo, dass plötzlich Grenzen in der Gesellschaft wieder neu gezogen werden, dass eine Gruppe auf eine andere hinabschaut, sie verurteilt.
  • Ein Missionsmuseum in der ehemaligen methodistischen und später baptistischen Kirche erzählt davon, wie viele verschiedene Missionsgesellschaften sich in dieser Region getummelt haben. Was sie beigetragen haben (z.B. die Xhosa-Sprache verschriftlicht, ein Wörterbuch herausgegeben, Bibeln in Xhosa gedruckt und dafür eine unendliche schwere Druckerpresse aus England nach King Williams Town geschafft!), und wie sie durch ihre Vorstellung von „christlichem Anstand“ Glauben und Kultur vermischt weitergereicht haben. Das tun wir übrigens auch, mehr als uns lieb und bewusst ist! Ist unsere Kirche nicht auch sehr an eine bestimmte Bildungsschicht gebunden? Wer nicht gern stillsitzt und einen Vortrag hört, wer kein Faible für klassische Musik hat, fühlt sich in unseren Kirchen gleich fremd. Schon in der Konfirmandenzeit versuchen wir die Jugendlichen (meist erfolglos) zu inkulturieren.

Mir hat der Kopf geschwirrt, tut es noch!

Auf der Rückfahrt sehen wir viele Kühe und Ziegen, die nach Lust und Laune die Straße überqueren, manchmal in Gruppen mit einem, der sie hütet, manchmal auch allein. Man muss aufpassen! Und mir fällt wieder auf, wie viel die Menschen zu Fuß unterwegs sind, an der großen Straße entlang. Langsam gehen sie, legen aber dann doch auch weite Strecken zurück. Oft sammelt sie dann ein Taxi auf – im Grunde eine Art, die Autos zu teilen. Das gibt Arbeit für viele, die mit staatlicher Unterstützung ein Auto dafür kaufen, und hilft denen beim Transport, die sich kein Auto leisten könnten. Gesünder ist es bestimmt so, als wenn alle selber Autos hätten.

Ehe der Strom wieder abgestellt wird, koche ich diesmal rechtzeitig, und wir können bei gemütlichem Kerzenschein essen. Dennoch: manche fürchten sich auch, denn alle Straßenbeleuchtung, alle Außenlampen und Bewegungsmelder an Häusern funktionieren nicht. Krankenhaus und Polizeistation erhalten weiterhin Storm, ANC und Supermarkt sowie ein paar wohlhabende Privatpersonen schmeißen ihre Generatoren an, aber der Rest sitzt völlig im Dunkeln, nicht einmal die Ampeln funktionieren (hier im kleinen Ort nicht so problematisch, in King Williams Town wird auch auf großen Kreuzungen beeindruckend ruhig rechts vor links beachtet – in Johannesburg möchte ich dann nicht Auto fahren) . Mich erinnert das an Stromausfall bei Gewitter, ich habe das immer geliebt und genieße die provisorische und romantische Stimmung. Dabei sehe ich natürlich darüber hinweg, dass die nationale Stromsperre eine Notmaßnahme kurz vor knapp ist und die Wirtschaft erheblich schädigt.

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