Lebensgeschichten – Dienstag

Über Montag gibt es nicht viel zu erzählen. Einen angeblich freien Tag haben Martha und ich an Schreibtisch und Telefon verbracht, ich bin überhaupt nicht aus dem Haus gekommen!

Das war dann heute ganz anders. Wir haben eine ganze Reihe von Besuchen gemacht hier in Stutterheim, und ich habe sehr unterschiedliche Lebensgeschichten kennen gelernt, die alle etwas von der Geschichte und Gegenwart Südafrikas erzählen.

Die erste Familie hat ihre Tochter verloren. An der Wand hängt das Bild einer braungebrannten, sportlichen jungen Frau. Vorsichtig gefragt nach der Ursache des Todes antworten die Eltern nüchtern: Drogen. Seit sie etwa 20 war. Sogar die Geburt ihres Kindes hat sie mit Drogen erlebt – alle sorgten sich um das Kind, aber es ist gesund und guter Dinge. Sie hat sich zunehmend verändert, die Ehe ging in die Brüche, monatelang war sie weg, um sich dann bei den Eltern aufbauen zu lassen. Mehrere Rehas haben nicht geholfen. Sie war noch nicht 40.

Drogen sind in Südafrika offensichtlich nicht so schwer zu beschaffen. Seit letztem Jahr ist „dagga“ (Cannabis) im privaten Gebrauch nicht mehr verboten. Südafrika hat auch ideale klimatische Bedingungen für den Anbau von Hanf. Man kann die Pflanzen auf der Straße kaufen (obwohl das immer noch illegal ist).

Möglicherweise verkauft die junge Frau auf dem Geweg Dagga (Cannabis-Pflanzen)

Zum Mittagessen fahren wir zu einem sehr netten kleinen Bistro. Die Bedienung dort, stellt sich heraus, gehört auch zu Marthas Gemeinde. Als alleinerziehende Mutter muss sie sehen, dass sie über die Runden kommt. Der Vater hat erst 1000 Rand im Monat Unterhalt gezahlt (ca 65€), jetzt aber nur noch 300 (knapp 20€). Auch wenn vieles hier billiger ist als in Deutschland – es reicht nicht ganz für die Betreuung nach der Schule. Die braucht sie aber, damit sie diesen Job in dem Bistro machen kann. Wohnen tut sie seit der Scheidung wieder bei ihren Eltern, 15km entfernt. Nur so kommt sie einigermaßen zurecht.

Kelly’s – eine von drei netten Möglichkeiten, ein einfaches und gutes Lunch zu bekommen

Im Krankenhaus besuchen wir einen Mann, der seine Frau gewaltsam angegriffen hat und nun nicht mehr nach Hause darf. Er liegt in einem 10er Zimmer auf der Männerstation und hatte um etwas zu essen gebeten. Offensichtlich werden die Lebensmittel in der Küche immer wieder gestohlen. Einen Tag gab es überhaupt kein Fleisch, nur Reis mit Soße. Dann wieder fast einen Tag lang gar nichts. Die Männer im Zimmer hatten zusammengelegt und etwas eingekauft.

Die sehr verknotete Lebensgeschichte hat mit dem Grenzkrieg zwischen Südafrika/Namibia und Angola (1975 – 1988) zu tun. Die in diesem Krieg eingesetzten Soldaten waren so eine Art Opfer der Nation, oft vergessen und vermisst, verwundet und ohne irgendeine therapeutische Betreuung. Nicht selten wurden Männer für tot gehalten, ihre Verlobten oder Ehefrauen verheirateten sich neu – und dann kann der Vermisste zurück. Schuldgefühle, Traumatisierung, zerbrechende Beziehungen, Leben mit Verletzungen und in Folge oft Arbeitslosigkeit, Alkohol, Gewalt waren die Folge. Unser Mann war wieder aufgetaucht, seine Jugendliebe ließ sich für ihn scheiden, und doch hatte diese Ehe keine Chance auf ein gutes Miteinander. So kam es zu Gewalt, immer wieder. Die verlorenen Männer, Soldaten im Angolakrieg.

Amathola Haven, die Seniorensiedlung, habe ich noch einmal anders kennen gelernt. Es gibt nicht nur das Alten- und Pflegeheim, in dem ich schon war, sondern auch Bungalows. Wer dort leben möchte, zahlt 2-300.000 Rand, die man dann sozusagen langsam abwohnt. Wer bald stirbt, hinterlässt seinen Angehörigen noch einen größeren Batzen, wer noch lange lebt, hat das Geld dann aufgebraucht.

Wir sind gekommen um Rosa zu besuchen. Rosa aus Gütersloh. Was sie nach Südafrika gebracht hat? Ihr Mann, Farmer in Keiskammahoek, hat eine Frau gesucht. Und wurde von seinem Bruder an Deutschland verwiesen. Nach vielen Briefen ist er einfach hingefahren, für drei Wochen. Und als sie sich das erste Mal trafen, war’s um sie geschehen. Die damals 21-jährige junge Frau reiste, frisch verlobt, mit nach Südafrika zum Heiraten. Ihre Nähmaschine hatte sie dabei, sogar einen Kinderwagen – was natürlich in der kleinen ländlichen Gemeinde sofort zu Spekulationen führte. Sie war aber einfach nur weitsichtig. Die Eltern des Verlobten begrüßten sie anfangs sehr steif und formell, erinnert sie sich. Und dass sie eimerweise Tränen geweint habe, denn ein Zurück gab es nicht. Im Laden helfen – wo sie doch kein Wort irgendeiner dieser vielen Sprachen verstand! Inzwischen spricht sie locker Englisch, mit einem immer noch grandiosen deutschen Akzent, auch etwas Afrikaans und Xhosa. Was man eben so braucht.

Eine Frau aus Coventry in England ist auch dabei -seit sie 16 ist, lebt sie in Südafrika und war nie wieder in England. Am Anfang, sagt sie, habe das Geld dafür nicht gereicht. Und später waren die Beziehungen abgekühlt, sie war hier angekommen. Nun leben drei ihrer Enkel in London!

Blick vom Hügel auf zwei weitere „locations“

Zum Abschluss gibt es noch einmal einen schönen Sonnenspaziergang durch unsere Wohnsiedlung, zusammen mit der geduldigen Nachbarin, die mich ausführt und meine Fragen beantwortet. Angeblich sollen morgen die Aufräumarbeiten in der Stadt beginnen. Das glauben wir erst, wenn wir es sehen, sagen alle, die diese wunderbare Nachricht weitererzählen. Mal sehen!

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