The big Clean-Up – das große Aufräumen fängt an! Mittwoch und Donnerstag

Schon in den letzten Tagen machte die geflüsterte und immer wieder bezweifelte Nachricht die Runde, die öffentlichen Angestellten würden ihre Arbeit wieder aufnehmen und die Stadt würde endlich – nach vier Monaten! – aufgeräumt werden. Montag ist der Tag! Nein, warum sollte er? Montag treffen sie sich erstmal um zu beraten, wann sie wieder anfangen. Dienstag? Nein. Morgens sind Leute extra in die Stadt gefahren um nachzusehen. Mittwoch. Heute aber! Es soll sogar eine Rede des Bürgermeisters geben. Und ein Gebet.

Die Müllabfuhr steht bereit, die Berge auf dem Gehweg sind verschwunden, im Hintergrund beginnt die Versammlung

Und tatsächlich. Martha kommt vom Morgeneinkauf (per Auto, natürlich) wieder. „Es ist wirklich losgegangen,“ sagt sie. Hunderte von Männern und Frauen sind in der Stadt, es ist eine gute Stimmung, die eine Straße ist schon geräumt von all dem Müll.

Als wir nachmittags durch die Innenstadt fahren, gibt es gerade eine Art Versammlung – vielleicht das angekündigte Prayer Meeting? Obwohl: Pastor Siya (Apostolic Bible Church) erzählt uns am nächsten Tag beim Fraternal, er sei dafür angefragt worden und habe abgelehnt. Er hat gesagt, er sei nicht in der Stadt. Seine Begründung: da wirst Du nur verheizt für die Interessen des Teiles des ANC, der gerade gewonnen hat. Wenn Du da stehst und betest, machst Du ein politisches Statement, Du bist auf der Seite derer, die die Verhandlungen „gewonnen“ haben. Und dafür, sagt er, ist das Gebet nicht da.

So beschließt die ökumenische Pastorengruppe, dass sie auch keinen Dankgottesdienst für den wieder eingekehrten Frieden in der Stadt abhalten werden, sondern einfach in ihren Sonntagsgottesdiensten beten – mit Dank an Gott und Fürbitte für alle, die zu dem Frieden beitragen.

Am Mittwoch haben wir wieder einmal in einem der drei netten kleinen Bistros gegessen. Wir haben die Runde rum und fangen wieder von vorn an. Und dann, am Nachmittag, noch einmal Besuche in der Seniorenwohnanlage „Amatola Haven“. In der Siedlung von 1989 gibt es unterschiedliche Wohnmöglichkeiten: Doppelhaushälften (3 Zimmer, Küche, Bad, Garage, Garten), Reihenhäuschen (ein großes Wohn-Ess-Zimmer mit Küchenecke, ein Schlafzimmer, Bad, Terasse) und das Pflegeheim, in dem wir zum Gottesdienst waren. Das ganze Gebiet ist umzäunt und bewacht, so dass sie die Menschen sich dort sicher fühlen und auch allein ein bisschen spazieren gehen. Die Häuser sind nett, der Kontakt untereinander recht entspannt und offen, Nachbarinnen besuchen einander und wissen ein, was die andere macht und wie es ihr geht. Und wer nicht mehr kann, kann ins Pflegeheim umziehen.

Diese Wohnmöglichkeit ist etwas für ziemlich wohlhabende Menschen. Man kauft so ein Haus für viel Geld, dann verliert es jährlich an Wert – wer also länger als etwa 10 Jahre dort lebt, hat seine Investition aufgebraucht. Es scheint mir eher so etwas wie eine im Voraus gezahlte Miete zu sein. Jedenfalls können dort nur die Wohlhabenderen leben. Die Kultur ist eindeutig bestimmt von Menschen mit europäischen Wurzeln. Im Pflegeheim leben auch einige Farbige und Schwarze. Die Regeln sind streng. Ein Mindestalter ist festgelegt (55?), Kinder sollen nicht übernachten (auch nicht die eigenen Enkel), es herrscht eine beschaulich-ruhige Atmosphäre, und das soll auch so bleiben.

(Hier könnt Ihr Euch die Wohnanlage auf dem Satellitenbild anschauen – falls es klappt?)

https://www.google.com/maps/place/Amatola+Haven/@-32.570308,27.4140399,616m/data=!3m1!1e3!4m5!3m4!1s0x0:0xc2ddbf7b8e5b2596!8m2!3d-32.5751999!4d27.42046

Wir besuchen eine Frau, die krank war. Gerade kommt ihr Neffe mit zwei Helfern um den Kühlschrank zu reparieren. Miteinander sprechen sie Afrikaans. Seine Kinder laufen auch herum – wir kommen nicht zum idealen Zeitpunkt. Das andere Ehepaar sitzt gerade beim Tee, das passt. Den Namen des Mannes verstehe ich nicht, später stellt sich heraus, dass aus seinem deutschen Namen irgendein scheinbar englischer Klang entstanden ist. Er kommt von einer deutschen Farm, als Kinder haben sie nur deutsch und Xhosa gesprochen. Englisch musste er mühsam in der Schule lernen. Nun ist sein Deutsch schon Geschichte, fast vergessen. Aber alte Geschichten werden in ihm wach. Wie sein Vater während des Krieges immer deutschen Rundfunk gehört hat. Besonders gern das Deutschlandlied. Jemand hat ihn bei der Polizei angeschwärzt, die dann auch kam um zu kontrollieren. Das Radiogerät wurde ihnen gezeigt, und ihr Kommentar war: Wenn Sie das Radio rechtmäßig gekauft haben, dann können Sie auch alles hören, was das Radio hergibt!

Wir feiern zusammen Abendmahl. Ich sage das Vaterunser auf Deutsch, das freut den alten Mann und auch die Nachbarin, die inzwischen dazugestoßen ist.

Heute – Donnerstag – früh trifft sich wieder die Pastorenrunde. Diesmal bin ich dran und zeige Bilder von Loccum. Diese alte Geschichte und die Konstruktion der Volkskirche ist im heutigen Südafrika nicht vorstellbar. Die „Dutch Reformed Church“ kennt noch das Gefühl von Selbstverständlichkeit. Ein Afrikaaner (also Nachkomme der überwiegend holländischen Siedler, der „Buren“) geht in die Kirche. Aber der große Umschwung (den wir in Deutschland meiner Meinung nach noch vor uns haben) ist abgeschlossen. Heute geht niemand mehr in die Kirche, weil es dazu gehört. Wer Mitglied ist, hat eine persönliche und unpopuläre Entscheidung getroffen. Die Gemeinde hat sich sehr gewandelt dadurch, ist kleiner geworden, lebendiger und klarer vom Glauben geprägt. Der Pastor, Dion, sagt: ich kenne beides. Ich möchte nicht mehr zurück. Die Pastoren der neuen, charismatischen Kirchen verstehen meine Erklärungen zu Volkskirche, Kirchensteuer etc sozusagen überhaupt nicht. Sie finden die Idee sehr komisch, dass Menschen zur Kirche gehören, die nicht normalerweise am Sonntag im Gottesdienst sind.

Nun warten wir auf den Klempner, der sofort zugesagt hat zu kommen, weil Martha seine Mutter beerdigt hat. Irgendwo in der Zisterne unterm Dach ist ein Leck, ständig tropft es draußen in die Regenrinne, am Haus herunter, die Mauern sind schon ganz schwarz und der Wasserverlust muss beeindruckend sein.

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