Wechsel der Welten – von Stutterheim nach Port Elizabeth, vom Land in die Stadt. Freitag

…natürlich Linksverkehr!

Alles steht im Zeichen des Aufbruchs. Martha hat alles vorbereitet, inklusive Predigt und Gottesdienstzettel, für die Kirchenvorsteherinnen, die in ihrer Abwesenheit den Gottesdienst leiten. Das Personal (Iris für die Reinigung in Gemeindesaal und Kirche, Sundowns für den Garten) muss noch angewiesen, ermutigt, gelobt werden. Und natürlich die Tasche gepackt, die Musik geübt für PE (meistens sagt man nur PE für Port Elizabeth).

Abfahrt. Vor uns liegen 350km gut ausgebauter Straße mit dem großen, 20 Jahre alten Auto. Das neuere und schnellere Auto, das der Kirche gehört, ist kaputt. Kurz bevor ich kam, ist jemand Martha auf der Kreuzung von der Seite ins Auto gefahren. Licht, Kotflügel, ziemlich kaputt. Der Schuldige ist ausgestiegen, hat sich alles angeschaut, hat gesagt, er fahre nur schnell sein Auto an die Seite – und ist abgehauen! Die Versicherung zahlt trotzdem, zum Glück, aber mit Begutachtung etc dauert das so seine Zeit. Seit 3 Wochen ist das Auto nicht zu gebrauchen, jetzt erst in der Werkstatt. Wie gut, dass Martha noch ihren alten Privatwagen hat, der mindestens für Besuche auf Farmen, aber sogar für ihre eigene Hofeinfahrt eindeutig besser geeignet ist.

Insgesamt ist wenig Verkehr auf der Straße. Das Land ist grün geworden seit den heftigen Regenfällen, immer wieder sieht man rechts und links Siedlungen. Manche sind klein und vermutlich auch noch traditionell organisiert mit einem „chieftain“, viele aber sind vom Staat ausgewiesene Siedlungsräume, wo Strom und Wasser angeschlossen sind. Dort kann man nach Absprache mit der Community bauen, das Land muss man dafür nicht kaufen. Manche dieser Orte liegen sehr einsam, haben aber dann auch eine kleine Schule, einen Kiosk.

Wir fahren durch East London, sehen nur Straßen und den Flughafen. Dann kommt die traumhafte Küstenstraße. Immer wieder blinkt das Meer zwischen den Dünen auf, die Straße führt über einen Fluß oder eine Meereszunge. Hier gibt es viele Wildfarmen, ich habe sogar Zebras gesehen! Das Wild lebt überwiegend auf riesigen, abgezäunten Gebieten. Dort kann man sich anmelden zum Jagen. Das (seltenere) freie Wild darf nicht gejagt werden, es gehört ja dem Staat.

Ein fast unbeabsichtigter Umweg führt uns zur „größten Ananas der Welt“. Hier werden Versuche mit Ananasanbau gemacht, man kann sehr günstig Ananas kaufen, und ich lerne, wie diese köstlichen Früchte wachsen. Das an der Straße ausgeschilderte Restaurant existiert leider nicht, aber die nette Verkäuferin schickt uns zu einem kleinen Café mit Kunsthandwerk, wo es sehr familiär und gemütlich ist. Als Martha dort nach einfachem Mineralwasser mit Sprudel fragt, ist der junge Mann ganz entrüstet. Ich verkaufe nichts Vorgefertigtes, sagt er, alles selbst gemacht! Das Essen war sehr lecker, der Laden ansprechend (und nicht billig!) – eine wunderbare Pause.

Allmählich wird die Strecke grüner. Immer mehr Ferienorte an der Küste haben ein Schild an der Straße stehen. Trocken ist es dennoch, wie wir hören: in Port Elizabeth ist das Wasser rationiert. Pro Person am Tag sollen nicht mehr als 50 l verbraucht werden. Was darüber hinausgeht, wird dann bei der Abrechnung am Monatsende mit einer Strafgebühr belegt. Garten wässern, Autowaschen etc sind verboten. Duschen in öffentlichen Anlagen sind außer Betrieb. Keine Bewässerung mit Leitungswasser ist gestattet. Der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 123 l am Tag.

Da muss ich an die Aufforderung unserer Landeskirche denken, in diesem Jahr die Passionszeit (Aschermittwoch bis Ostern) zum „Klimafasten“ zu nutzen.

Die lutherische Friedenskirche liegt in einem ruhigen Wohngebiet. Einfamilienhäuser und kleine „Estates“ sind in einem ordentlichen Schachbrettmuster angelegt. Grüne Gärten, ein paar wunderschöne große Bäume dazwischen.

Hier kann ich allein in der Siedlung spazieren gehen und mich umsehen, treffe zwei Kaninchen, wenige Fußgänger.

Anja Spiske wohnt in einem schönen Pfarrhaus neben der Kirche. Ihre vier Hunde laufen um das Haus herum und geben ihr Sicherheit. Gästezimmer sind für uns vorbereitet, sogar mit Schokolade auf dem Nachtisch! Am Abend dreht sich das Gespräch um die Aufgaben und Gehälter der PastorInnen. Pro Pfarrstelle sind es hier ca 160 Mitglieder – in Stutterheim auf drei Gemeinden verteilt. Das reicht nicht, um selbst eine gering bezahlte Stelle auf Dauer zu unterhalten. In der Kirche wird sehr viel darüber nachgedacht, wohin der Weg gehen kann. Die vielen Gebäude tragen zur Erwartung der Gemeinde bei, dass da ja Kirche ist, in der auch etwas stattfinden kann und soll. Sie sind aber auch eine Belastung. Ähnlich wie die anglikanische Kirche in Irland besitzen die „alten“ Kirchen (lutherisch, reformiert, anglikanische, methodistisch) die meisten historischen Kirchen, aber versuchen mit einer freikirchlichen Struktur zu überleben. Die riesigen Entfernungen machen Zusammenarbeit von Gemeinden nicht einfach. Ich erinnere mich an die Lösung der lutherischen Kirche in Irland, wo es nur ein Zentrum gibt – Dublin – und die kleinen Gemeinden überall im Land nur etwa 4mal im Jahr zu Gottesdienst und Gemeinschaft zusammenkommen. Ansonsten sind sehr viele dieser Lutheraner zugleich Mitglied in einer lokalen Kirche, anglikanisch, methodistisch, presbyterianisch oder sogar auch katholisch. Ein sehr ökumenisches Modell!

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