Port Elizabeth – lutherische Kirche im städtischen Umfeld. Wochenende.


Diese wunderbaren Komplexe von Kirche, Gemeindehaus, Pfarrhaus und Garten sind schon etwas Besonderes, vor allem im Sonnenschein! Allerdings gehört auch der stacheldrahtbewehrte Zaun dazu, und die allein lebende Pastorin schützt sich zusätzlich mit vier Hunden, die ständig um das Haus herum laufen, viel bellen und so abschreckend wirken.

Wir treffen uns in der Kirche zur Musikprobe. Im Gemeindesaal baut sich gerade der Flamenco-Lehrer auf. Die Gruppe mietet den Saal wöchentlich, klatscht und stampft, was das Zeug hält, und trägt ebenso zum Budget der Gemeinde wie zur Abnutzung des Fußbodens bei. Die Kirche ist sehr schön gebaut, hat feierliche und gemütliche Ecken. Auf der Empore entsteht gerade eine Art Jugendtreff, aber der Versuch zu einem offenen Treff „Café mit Gott“ ist gescheitert. Nun vielleicht Kino? Die neuen Bean Bags jedenfalls laden zum Lümmeln ein.

Zwei Pastorinnen machen Pause? …..warten auf den jugendlichen Andrang?

Eine kleine Orgel, ein Klavier, Notenständer – alles ist bereit und wir üben die Lieder für Sonntag früh. Wir, das sind Anneliese, die noch nicht so lange in der Gegend wohnt und nun den Anschluss an die Gemeinde sucht (Flöten und Klarinette), Martha (Klavier) und ich (Altflöte). Martha und Anneliese kennen sich – wie überhaupt sich fast alle Leute irgendwoher kennen oder mindestes gemeinsame Bekannte haben.

Und dann geht’s in die Stadt – darauf war ich schon gespannt! Aber das Bedürfnis der Dorfbewohnerin war der Einkauf, so dass wir in einem richtig großen Einkaufszentrum landeten, dass am Ende auch nicht so viel anders ist als inzwischen fast überall auf der Welt. Was mir auffiel: hier leben und arbeiten die Volksgruppen schon viel mehr gemischt, KellnerInnen und Gäste aller Farben gemeinsam.

Dann Sonntag früh. Die Kirche füllt sich, die Stimmung ist freundlich-entspannt. Familiengottesdienst – die Pastorin trägt keinen Talar. Den Ablauf kennen wir von zuhause, aber hier wird er mit dem Projektor an die Wand geworfen, auch alle Liedtexte. Die Gesangbücher (deutsche!) bleiben ungenutzt, denn alle Lieder werden auf Englisch gesungen. Die Gemeinde hat es in den letzten Jahren geschafft, sich zu öffnen und nicht nur „traditionelle“, ursprünglich deutschsprachige Mitglieder zu haben. So spielen Atmosphäre, familäres Miteinander, und eine menschenfreundliche Theologie ihren Part in der Entwicklung dieser Gemeinde – die, wie alle traditionellen Kirchen, ums Überleben kämpft.

Nach dem Gottesdienst werde ich vorgestellt – zum Beispiel Ehepaar Becker, deren Sohn mit einer Freundin von uns aus Dubliner Zeiten in Göttingen zusammenarbeitet! So klein ist die Welt. Spannend auch zu erleben, wie viele Menschen die Sprache ihrer Kindheit einfach verlieren, wenn sie nicht mehr im Gebrauch ist. Das Deutsch geht den älteren Leuten nicht mehr leicht von der Zunge, selbst wenn das Englisch noch sehr deutsch klingt. Jedenfalls aber ist der Kaffee/Tee nach der Kirche wirklich ein unerlässlicher Beitrag zum guten Miteinander geworden.

Der Stromanschluss kommt von den großen Versorgern – Wasser nicht.

Am Nachmittag sind wir eingeladen auf einer Farm. Hendrik, etwa 50,  baut etwas Gemüse, in wachsendem Maße aber nur noch Schnittblumen an. Er und Anneliese wohnen zu zweit in ihrem Haus, das noch nach der alten Bewohnerin und ihren über 30 Hunden riecht, trotz gründlicher Renovierung. Wir spazieren über das Grundstück, bewundern die Gerbera und die Sonnenblumen. Die beiden sind in ihrem letzten Haus überfallen und ausgeraubt worden, da war nicht mehr viel übrig. Nun bauen sie neu auf, seit neun Monaten. Die Arbeiter kommen aus einem Ort 25 km entfernt, Hendrik holt sie morgens und fährt sie abends nach Hause. Der Traum: ein paar Arbeiter-Häuser bauen, ein kleines Dorf mit Platz für Praktikanten. Vielleicht sogar junge Leute anlernen, die dann ihr Wissen nutzen können um Arbeit zu finden! Das Klima ist gut: fast rund ums Jahr herum wachsen die Blumen. Der Boden ist lehmig und hart, da wird noch einiges an Arbeit hineingehen. Hendrik benutzt keine Spritzmittel, keinen Kunstdünger, sondern Gras und Kuhdung, und strebt seine eigene Zucht an. Sein Wasser kommt weitgehend aus einem tiefen Teich, der durch Sprengung für den Bau der Autobahn entstanden ist. Tief unten hatte sich überraschend eine Wasserquelle aufgetan, und nun spendet diese über 40m tiefe Kuhle verlässlich Wasser für Pflanzen, Spülung und Wäsche. Das Trinkwasser wird in Kanistern gekauft. Weit ist der Blick und hinter den Dünen das Meer.

Dieses Wasserloch ist „nur“ 13 m tief und im Moment recht ausgetrocknet

Draußen auf der Veranda aber, da sitzen sie selten, jedenfalls nicht am Abend. Das ist zu gefährlich. Einsame Farmen werden immer wieder überfallen.

Hendrik kann unglaublich komisch erzählen von all den gefährlichen und bedrohlichen Situationen, auch von seinen Reisen nach Europa, wo er die Notbremse gezogen hat, den Weg in sein Hotel nicht wieder gefunden, und generell sich wie ein trampeliger Südafrikaner benommen hat – sagt er. Dabei hat er einmal für Südafrika den ersten Preis auf der Weltausstellung gewonnen!

Es gibt Snoek, ein typisch afrikanisches Essen: Schlangenmakrele, gegrillt. Köstlich. Das ist Braai – Grill, aber einfach im Haus gemacht.

Und dann fahren wir ans Meer. Endlich! Ein traumhafter Sandstrand, heftige Wellen, starke Strömung, und Haie (die ich nicht gesehen habe) – nicht so empfehlenswert zum Baden, leider. Und in dem kleinen Ort Blue Horizon Bay haben die Leute keine Gitter vor den Fenstern! Hier wohnen viele Pensionäre, manche auch nur in der Ferien. Warum ist es hier sicherer? Vielleicht ist einfach die Gemeinschaft gut, die einander hilft und stützt?

Montag ist wieder Reisetag. Diesmal nehmen wir nicht die Küstenstraße, sondern die Strecke quer durch’s Land über Grahamstown. Wir machen Pause in Nanaga Village, einem schönen Verkauf von Farmprodukten, essen köstlich und kaufen ein. Und dann kommt die lange Dürrestrecke. Dieses Jahr war sehr trocken, auch unten an der Küste sind die Wasserlöcher leer. Hier aber sieht es wirklich aus wie die Wüste, braun und steinig. Die Entfernungen sind riesig, bergiges Land mit ausgetrockneten Flussbetten, mit Kakteen und dornigen Büschen auf brauner Steppe. Es ist heiß im Auto, das 20 Jahre alte Fahrzeug hat keine funktionierende Klimaanlage mehr. Die Straße wird gerade in hervorragenden Zustand gebracht, die Fahrt ist glatt und ohne Probleme.

Wie grün Stutterheim aussieht nach dieser Wüste! Es ist wie nach Hause kommen – sogar der Müll liegt noch auf der Straße, denn der Streik wurde gleich wieder aufgenommen, als es hieß, es gebe erstmal keinen Lohn. Lautes Singen und Rufen tönt durch Lautsprecher von der Ortsmitte, offensichtlich wieder eine Demonstration?

Sonnenuntergang Blue Horizon Bay

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