Kirchen und Ausblicke – Kapstadt in Schlangenlinien. Donnerstag.


Kapstadt von oben – die kleineren Häuser der Altstadt sind umringt von neueren Hochhäusern
Die Straße führt auf LION HEAD zu – Löwenkopf

So viele Kilometer, so viele Kurven, Autos, Straßen, Kirchen, Berge – mein Kopf schwindelt! Mein Gastgeber uns ein großes Programm gemacht, und so sind wir früh unterwegs. Das älteste lutherische Kirchengebäude Südafrikas, so lerne ich, ist die Kirche in Strand Street. Unter holländischer Herrschaft durften die Lutheraner ihren Glauben nicht auf ihre Weise ausüben. 40 Jahre lang haben sie um Toleranz gekämpft. Kurz bevor sie kam, bauten sie sozusagen heimlich eine große „Scheune“, die dann nach der Toleranz offiziell zur Kirche werden konnte. Einer der Ältesten damals verlor sein Regierungsamt, als er sich zu dieser neuen Religion bekannte.

„Hintereingang“ der Kirche Strand Steet

Diese Gemeinde hat ihre Gottesdienste lange auf Holländisch abgehalten und sich erst vor einigen Jahren auf Englisch umorientiert und der Kapkirche angeschlossen. Wir kommen von hinten durch den Personaleingang,

treffen Pastor Walter Schwaer in seinem Büro. Tamara öffnet uns die Kirche, mein Gastgeber setzt immer wieder gern seine Sprachkenntnisse ein und spricht Xhosa – da strahlen die Gesichter und die Seelen öffnen sich.

Pastor Cyril Tessendorf und Tamara

Die nächste Station ist die St. Martini-Kirche mit schönen Gebäuden drum herum, mit Kindergarten und Jugendarbeit, mit dem Büro des Bischofs. Gilbert Filter empfängt uns freundlich und führt uns herum. Hier ist alles deutschsprachig und geschieht in guter Zusammenarbeit mit der deutschen Schule. Die Kinder im Kindergarten haben mindestens ein deutsch-muttersprachliches Elternteil. Das alte Pfarrhaus hat vor 30 Jahren die Stadt gekauft um es abzureißen und die Straße zu erweitern. Der Plan ist dann aber irgendwann gestorben. Nun möchte die Stadt es der Kirche zurückgeben – in katastrophalem Zustand, aber unter Denkmalschutz. Ob es gelingt, dafür Geld aufzutreiben?

Das alte Pfarrhaus, seit 30 Jahren steht es fast leer, soll jetzt an die Kirche zurückgegeben werden

Auf den Straßen, besonders an den Kreuzungen, immer wieder Bettler. Obdachlose schlafen unter Plastiktüten zwischen den Schnellstraßen, Männer, Frauen und Kinder betteln mit Schild um den Hals an den Autos.

Weiter geht’s zum Kinderheim, das die Dutch Reformed Church und die Lutheraner vor 200 Jahren gemeinsam gegründet haben. 44 Kinder und Jugendliche, vom Jugendamt bzw. Familiengericht aus den Familien weggenommen, haben hier ein Zuhause gefunden. Die Sekretärin schickt uns aber gleich weiter:

ihr Mann hat heute Dienst an der Mittagskanone, die oben auf dem Signalberg steht und um 12 Uhr mittags abgefeuert wird. Das lassen wir uns nicht entgehen. Die Kanonen sind dort aufgebaut worden, als noch die Segelschiffe langsam in den Hafen schipperten. Ihre Ankunft wurde von Signal Hill per Kanonenschuss verkündet, und dann konnten sich die Farmer auf den Weg machen, um die Schiffe neu mit Proviant zu versorgen.

Little Stream

Die Straßen sind spannend, steil winden sie sich auf den Berg und wieder hinunter. Über den Sattel zwischen Tafelberg und seinem Nachbarn kommen wir auf die andere Seite und so zum CVJM-Haus „Little Stream“. Hier gibt es einen Tagungsraum, vor allem aber ein sehr nettes und gutes Café mit einem wunderschönen Garten. Riesenhafter Bambus wächst hier, eine Schaukel hängt an einem der alten Bäume, es ist ein Traum.

Und dann kommt die Küstenstraße auf der anderen Seite der Berge. Überall an der Straße stehen Händler, laufen Bettler, ganz oben ist sogar ein richtiger kunsthandwerklicher Markt aufgebaut. Während wir weiterfahren, zieht sich das Wetter zu, es beginnt zu nieseln, der Nebel umgibt uns, sogar der Verkehr wird dichter. Wir kommen recht müde zurück.

Aber es geht weiter: mit Cyrils Tochter und Schwiegersohn fahren wir noch einmal auf den Signalberg, denn der Blick auf das nächtlich erleuchtete Kapstadt soll so traumhaft sein. Nicht heute. Ganz obenhin können wir nur im Schritttempo schleichen, der Nebel ist so dicht. Und das Aussteigen ist auch keine gute Idee. Niemand ist dort oben, das ist eine gute Gelegenheit für Überfälle.

Trotzdem haben wir tolle Blicke hinunter auf die Stadt, und am Ende noch ein Eis bei McDonalds. Dabei höre ich noch manches, über die Arbeitslosigkeit des Mannes und wie schwer es für einen weißen mittelalterlichen Mann ist, wieder Arbeit zu finden. Über die Finanzprobleme bei der „ScriptureUnion“ (so ähnlich wie Bibelgesellschaft), wo der neue Chef von den Mitarbeitenden erwartet, dass sie persönliche Sponsoren für ihr Gehalt finden.

Kleine Geschichten zwischendurch: diese Straße oben wurde vor vierzig Jahren geplant und zu bauen begonnen. Inzwischen hat sie sich schon mehrfach für Filmaufnahmen bewährt, auch gibt sie Menschen Obdach.
Ein „Squatters Camp“ – hier haben sich Menschen einfach niedergelassen und eine Hütte gebaut, die beim Hafen arbeiten bzw. Gelegenheitsjobs haben. Als die illegale Siedlung weggeräumt werden sollte, wurde der Protest laut. Wo sollen wir denn wohnen? Schließlich wurde den Squattern Land zugewiesen – und dann waren plötzlich viel mehr Menschen da, als im Hafen arbeiten. Die Squatter leben weiterhin in ihren schlichten Hütten.
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