Gottesdienst mal ganz anders und Löwen im Park – Sonntag


Wunderbar sonniges Wetter – und ich im schwarzen Kleid mit langen Ärmeln! Meinen Talar habe ich nicht eingepackt, und so soll Marthas Stola über dem Schwarz als Ersatz fungieren. Die Predigt ist fertig, ich spaziere durch den Garten und erwarte Mr. Gxala, den Vorsitzenden des Kirchenkreisvorstandes und Mitglied der Synode. Diese Gemeinde gehört zur ELCSA, der anderen lutherischen Kirche, die hier Xhosa spricht und mit der unser Kirchenkreis seit gut 30 Jahren eine Partnerschaft pflegt. Mr Gxala holt mich ab, während in der Kirche nebenan der Gottesdienst schon begonnen hat (8.30 hier in Stutterheim, dann fährt die Pastorin schnell die gut 40km nach King Williams Town, 10.30 Gottesdienst dort mit Kaffee und Gesprächen. Das nächste Mal umgekehrt).

Ein riesiges, weißes Auto fährt vor. Hinten sitzen schon die Ehefrau und der alte Vater, ich darf auf dem Ehrenplatz vorne sitzen. Sehr langsam und bedächtig werde ich durch den vermüllten Ortskern von Stutterheim, dann über die Brücke und den Hügel hinauf in die „Township“ oder „Location“ Mlungisi gefahren. Viele kleine Häuser, manche sehr schmuck und manche recht verkommen, Hütten und Bungalows, alle mit etwas Garten rundherum, machen die Siedlung aus. Sie ist viel größer und bevölkerungsreicher als der alte Ortskern. Hier ein paar Zahlen vom Zensus 2011 – also definitiv nicht der aktuelle Stand nach Zuzug von Flüchtlingen z.B. aus Somalia und Einwanderern z.B. aus China   (entnommen von dieser Website: https://census2011.adrianfrith.com/place/273045005 )

Ca. 3200 Menschen wohnten im „alten“ Stutterheim, davon ein Drittel weiß, mit Englisch oder Afrikaans als erster Sprache. Die übrigen zwei Drittel fast alles Schwarze, nur knapp 50% mit Muttersprache Xhosa, viele auch englisch- oder afrikaans-sprachig.

Eine der vier High Schools (Sekundar- oder Oberschulen bis Klasse 12) in Mlungisi

Ganz anders die locations Cenyu, Cumakala und Cumakala SP (von hier aus betrachtet zusammen einfach Mlungisi genannt). In den drei Berichen wohnten zusammen ca. 13100 Menschen – fast 100% Schwarze, davon fast alle mit Xhosa als erster Sprache. 7 Weiße wurden gezählt. Farbige wohnen in einer anderen Siedlung. Die Xhosa haben eine starke Familien- und Sippenstruktur. „Fremde“ sind als Gäste willkommen, zum Wohnen wohl weniger.

Die Bevölkerungsdichte ist so krass unterschiedlich, dass man es sich kaum vorstellen kann: zwischen 30 pro km2 in Stutterheim (wobei alles umliegende Land bei Stutterheim mitgezählt wird, also auch das Farmland, die Felder und Wälder) und 3800 pro km2 in Cumakala, dem unteren Teil von Mlungisi, liegt Cenyu oben auf dem Hügel mit 1500 pro km2.

Dort ist auch das Gebäude, in dem die Gemeinde eine Tagesbetreuung für Kinder betrieben hat. Durch die Einführung einer Vorschulklasse, so wird mir erzählt, war nicht mehr genug Nachfrage, und die Kinderbetreuung wurde geschlossen. (Fragen bleiben, denn zugleich hört man, es gebe vorn und hinten nicht genügend Kinderbetreuung und Schulen). Dort hält jetzt die Gemeinde ihren Gottesdienst.

Pastor Maho begrüßt mich sehr freundlich
Pastor Maho und Chair of Circuit Council Gxala

Ein traumhaft weiter Blick über das Umland eröffnet sich auf dieser Hügelkuppe. Kinder spielen im Garten (allerdings hängen an den Gerüsten keine Schaukeln mehr, auch die Glocke ist irgendwann gestohlen worden). Ich werde sehr herzlich empfangen von Pastor Maho, natürlich von Sizeka, die ein Jahr in unserem Kirchenkreis zu Gast war, und von den Ältesten. Im Nebenraum, der jetzt als Sakristei dient, bekomme ich eine Albe zum Überziehen, dazu die Stola von meiner Gastgeberin – ich passe ins Bild.

Der Gottesdienstraum ist heute besonders geschmückt für den Valentinstag.

Die meisten Gottesdienstteilnehmerinnen haben sich auch passend in Rot und Weiß gekleidet. Nach dem Gottesdienst hat die Jugend einen Fundraiser geplant, der auf den Valentinstag Bezug nimmt.

Sehr viele Menschen sind aktiv in den Gottesdienst eingebunden. Acht Kinder helfen um den Altar herum, ein Kirchenvorsteher begrüßt, vier Frauen lesen oder sprechen ein Gebet, eine leitet die Liturgie, eine den Chor – und fast 20 junge Frauen und ein junger Mann singen im Chor. Dazu kommt der Pastor, der das Abendmahl leitet, der ehemalige Dekan Zazini und ich teilen mit aus. Ich darf predigen. Es wird unglaublich viel gesungen, alle Liturgiestücke in Harmonie, immer wieder zwei Lieder direkt hintereinander. Im Chor wird der Rhythmus geschlagen: zwei oder drei Leute halten etwas – ein Kissen? Eine Plastiktasche voller Luft? Ein Buch? – und schlagen sehr kräftig im Takt darauf. Manche Lieder erkenne ich nach einer Weile. „Ich bete an die Macht der Liebe“ oder „The Church’s one foundation“. Besonders beeindruckt mich der Kehrvers von „Herbei o ihr Gläubigen“ als Antwort auf die Einsetzungsworte im Abendmahl. O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten den König. Dabei knieen die Altarkinder und erheben die Hände. Sie wissen sehr gut, was sie wann machen, helfen einander zurecht, und drücken für alle die Anbetung und Hingebung aus. Auch das Lied beim Friedensgruß, bei dem sich alle an den Händen halten, ist sehr bewegend. Beim Shalom-Singen werden die Hände erhoben, alle lächeln oder lachen, es ist fast ein Tanz.

Mit reichlich Weihrauch (in der Hand des Pastors) wird die Reinigung von Tisch und Menschen für Gott symbolisiert
Das Evangelium darf ich lesen – mitten in der Gemeinde
Die Altar-Kinder bringen die Abendmahlsgaben
Oh lasset uns anbeten – die Kinder beten mit dem Körper
Fröhlich gesungener Friedensgruß

Voher aber habe ich gepredigt (auf Englisch), über die Seligpreisungen im Lukasevangelium Kapitel 6. Hier werden die Armen und Hungrigen gepriesen, weil sie das Reich Gottes bekommen und satt werden. Eigene Armut und Sorgen kann die Gemeinde dort wiederfinden und Hoffnung schöpfen. Die Reichen aber werden bedauert, denn sie haben ja schon alles bekommen und werden hungrig und arm werden. Revolution. Vieles erinnert an den Zorn, der den Umsturz in Südafrika begleitet hat und manche Menschen heute noch sehr erfüllt. Die Zerstörungen hier in Stutterheim und sogar des großen neuen Einkaufszentrums in Mlungisi zeigen, wohin der Zorn und die Rache führen. So ist es verständlich, dass im Lukasevangelium auf diese Rede Jesus die Aufforderung zur Feindesliebe folgt. Wir sehen es ja in der Geschichte und bis heute: der Umsturz schafft am Ende nur, dass es ein neues Oben und Unten gibt, und dann fängt die ganze Geschichte von vorn an. Dennoch sind die Worte Jesu durchaus eine Warnung an die Reichen – und dazu gehöre auf jeden Fall auch ich, global gesehen. Aber sogar innerhalb dieser Gemeinde gibt es krasse Unterschiede im Wohlstand, die Geschwisterlichkeit lässt überall noch sehr zu wünschen übrig. Da bleibt noch viel Wegstrecke Richtung Gottes Reich!

Ich habe mich sehr gefreut, als hinterher Sizeka zu mir sagte, sie habe ihr Leben und ihre Realität in der Predigt wiedererkannt. Denn das war meine größte Sorge, dass ich diese ganz unbekannte Gemeinde verletzen oder über ihre Köpfe hinweg reden könnte. Besonders schön ist es, dass die Menschen dort in der Gemeinde wirklich reagieren. „Es tut gut, in Jesu Nähe zu sein,“ sage ich – und viele nicken, manche sagen „ja“ oder „Amen“. Und immer wieder geht ein zustimmendes Murmeln durch den Raum, oder Kopfschütteln. Fast wie ein Gespräch ist das und es ist viel einfacher, lebendig und konkret vom Evangelium zu reden.

Der Fundraiser der Jugend beginnt. Sie möchten im Sommer eine Jugendkonferenz für den ganzen Kirchenkreis machen, möchten Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Eastern Cape zu einem Wochenende einladen. Der Kirchenvorstand ist einverstanden – aber Geld für Verpflegung, Materialien und alles weitere müssen sie selbst aufbringen. So haben sie Muffins gebacken, lesen Gedichte vor, und zwischendurch gehen sie durch die Reihen und sammeln Spenden.

Sizeka, die ein Jahr lang in unserem Kirchenkreis Praktikum gemacht hat.

Natürlich gibt es am Ende die obligatorische Fotosession, liebevolle und intensive Umarmungen, Grüße und Abschiedswünsche. Und dann fährt meine weiße Limousine wieder gemächlich hügelabwärts und setzt mich am Pfarrhaus ab.

zwei Damen aus der Gemeinde stellen sich dazu, als Zoliswa, die als Lehrerin für „Sing mit Afrika“ in Loccum war, und der Kirchenvorsteher mit mir abgelichtet werden möchten.

Und dann schnell! Wir sind eingeladen zum Mittagessen in Mpongo, einem privaten Wildpark 50km entfernt, Richtung East London. Stephanie Victor, die Kuratorin des Museums, hatte diese Idee. Durch den Park selbst kann man nur mit einer gebuchten Tour fahren, was ziemlich teuer ist. Aber auch so sehen wir Warzenschweine, die zum Trinken ans Wasser kommen, und eine Nyala-Familie (eine große Antilopenart).

Pastorin Martha Weich und Kuratorin Stephanie Victor im Gespräch

Das Essen ist ausgezeichnet, ein köstliches Buffet, gute Gespräche, und danach gibt es noch einen kleinen Spaziergang zu den Löwengehegen. Wir sind ganz gemischter Gefühle, diese riesigen und majestätischen Tiere so nah zu sehen, aber eben auch so eingesperrt.

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